Zug der Erinnerung - Protestbrief der SPD-Ratsfraktion an Mehdorn und Tiefensee

 

Sehr geehrter Herr Dr. Mehdorn, sehr geehrter Herr Minister Tiefensee,
am 5. und 6. Februar 2008 hielt auf Gleis 15 des Hildesheimer Hauptbahnhofs der "Zug der Erinnerung". Als er Hildesheim verließ, hatten etwa 2.000 überwiegend junge Menschen am Ort des Geschehens erfahren, wie es gewesen sein muss, als auch aus Hildesheim in drei Transporten 1942 und 1945 116 jüdische Mitbürger in die Todeslager im Osten transportiert wurden. Die ansprechenden und im besten Sinne anrührenden Einzelschicksale, die von den Initiatoren im Inneren des Zuges vorgestellt wurden, sprachen die etwa Gleichaltrigen spürbar an: Auch sie hätten auf hier ihre Reise nach Ausschwitz antreten können, statt auf der anderen Seite des Bahnsteigs eine Fahrt - wie zeitgleich bei der Eröffnung - nach Nürnberg.
Was mich als Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Hildesheim allerdings fast noch mehr erschütterte als das Verbrechen der Verschleppung und Vernichtung von mehreren Millionen Menschen war die eher beiläufig erwähnte Weigerung der Bahn, den Zug kostenlos durch Deutschland fahren und auf den Bahnhöfen halten zu lassen. Die anfallenden Trassen-, Stations- und Anschlussgebühren müssen durch Spenden finanziert werden - in Hildesheim waren etwa 4.000 Euro aufzubringen. Allein das Signal, das durch die Ablehnung des Nachfolgeunternehmens der Deutschen Reichsbahn ausgesandt wird, ist nicht nur in höchstem Maße verantwortungslos in Anbetracht der eigenen Geschichte, sondern eine unerträgliche Verweigerungshaltung gegenüber der Pflicht, Menschen dagegen zu feien, jemals wieder mitzumachen oder wegzusehen, wenn anderen Menschen Unrecht geschieht.
In Hildesheim sind städtische Instititutionen (Stiftungen, Bildungsreinrichtungen, Vereine) eingesprungen, um die "Gebühren" zu bezahlen. Wir hätten das Geld gut an anderen Stellen gebraucht, weil wir gerade einen Ratsbeschluss umsetzen, der dazu anregt, auf vielfältige Art Spuren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in der Stadt sichtbar zu machen. Ein am 25. Januar 2008 aufgestelltes Schild am Grundstück der damaligen Polizeidienststelle erinnert übrigens an die Deportation der Sinti und Roma aus Hildesheim. Eine der beiden Überlebenden schilderte bei der anschließenden Gedenkfeier ihre erschütternden Erlebnisse beim mehrtägigen Bahntransport. Auch für sie, die heute 84-jährige Lilly Angerer-Franz, fordere ich Sie auf, den "Zug der Erinnerung" von allen Kosten freizustellen und nach Kräften zu unterstützen. Dass sich ein Staatsbetrieb acht Jahre nach der Gründung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" jeder der drei Zielsetzungen entziehen will, ist absolut inakzeptabel.

 

 


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